Vancouver Island Noch mehr Wälder, Seen und abends kommt der Bär

Für meinen liebgewonnenen Chevy-Van und mich sollte Vancouver Island das letzte große Abenteuer an der Westküste werden. Nach einem zweiwöchigen Roadtrip übergab ich Betzi in die Hände von Johanna, die auch meine Reisebegleitung auf der Insel war. Der Abfahrtstag vom Festland war gespickt mit tollen Eindrücken von der fast zweistündigen Überfahrt vom Hafen Tsawwassen hinüber nach Victoria. Man reiht sich nach Zahlung von ca. 90$ ein in eine der zahlreichen Autoschlangen ein und staunt nicht schlecht, was ein solches Schiff doch an Fahrzeugen schlucken kann. Die Fährenfahrt selber führt einen entlang der zerklüfteten Küstenlinie, vorbei an kleinen bewohnten und unbewohnten Insel-Idyllen. Wir machten es uns in unserer privaten Autokabine mit Panormafenster gemütlich und ließen den Seewind durch die Karosserie blasen. Der Kapitän weckte unsanft aus dem Tagtraum und wir rollten vom Schiff.

Victoria liegt am Südzipfel von Vancouver Island und hat eine hübsche kleine Innenstadt mit dem ältesten Chinatown Kanadas, vielen netten Parkflächen und Stränden. Wir gingen den ersten Tag entspannt an, schlenderten umher und erkundeten die beschauliche Kleinstadt. Die südliche Küste, insbesonders der Ballungsraum Victoria ist sehr touristisch und da wir es doch primär auf Natur abgesehen hatten, machten wir uns nach einer Nacht auf die Fahrt nach Sooke, wo man uns Wanderwege und aufregende Landschaften versprochen hatte.

Auf dem Weg in das ca. 20 Kilometer von Victoria liegende Sooke passierte dann das, wovor es jedem Autobesitzer graust. Der vordere rechte Reifen zersetzte sich auf der Ausfahrt einer Schnellstraße und wir konnten uns gerade noch auf eine Parkinsel retten. Optimistisch trat ich das Projekt Erstatzreifen an und wurde fachkundig von einer Bedienungsanleitung beraten, die wir zufällig an der Außenseite der Kofferraumtür fanden. Es hätte alles so einfach sein können, wäre da nicht dieser unglaublich schlechte Wagenheber, dessen Konstruktion leider nicht für ein 3 Tonnen schweres Auto gemacht war. Verlass war in diesem Fall aber wieder einmal auf die kanadische Hilfsbereitschaft und so wurde kurzerhand ein robusterer “Jack” aus der Nachbarschaft geliehen und ein ehrenamtlicher Feuerwehrmann hielt mitleidig an und bestand darauf, den Reifenwechsel in Rekordzeit selber durchzuführen. Natürlich nicht, ohne sich grinsend mit einem “You guys suck at changing tires” zu verabschieden. Fair enough! Mit zwei neuen Vorderreifen, die wir nicht einmal 500 Meter weiter an einer Autowerkstatt erstanden, fuhren wir zum Sooke River Campingplatz. Dort wurde bei Lagerfeuer und Ofenkartoffeln die Niederlage des Tages verarbeitet.

Am nächsten Morgen absolvierten wir bei schönstem Sonnenschein einen Wanderung im East Sooke Regional Park. Entlang der windigen Felsküste kletterten wir über steile Hügel, spazierten durch dunkle Regenwälder und entdeckten kleine, geschütze Buchten. Ein wirklich herausfordernde und steile Strecke, für die man aber mit atemberaubenden Aussichten belohnt wird.

Abends fanden wir bei Jordan River einen primitiven aber sehr günstigen Campingplatz direkt am Meer. Eine Schlafplatz direkt am Wasser bringt ein fürs ander Mal ein echtes Highlight. Wer mal das Vergnügen hatte, sich bei Meeresrauschen in den Schlaf zu wiegen, weiß, wovon ich spreche.

Ausgeschlafen steuerten wir Port Renfrew an. Auch an diesem Tag riss die Glückssträhne nicht ab und so wurde uns beim morgendlichen Kaffee durch einen aufmerksamen Bewohner mitgeteilt, dass es nun auch einen Hinterreifen erwischt hatte. Ein kurzer Realitätscheck und die traurige Erkenntnis, dass die durchlöcherte Küstenstraße ein weiteres Mal zugeschlagen hatte. Auch an diesem Tag durften wir also zwei neue Reifen an der Karosserie begrüßen aber zumindest hatten wir jetzt die Gewissheit, dass ab diesem Punkt diesbezüglich wohl keine Probleme mehr auftreten würden. Wir steuerte nun Tofino an der Westküste an, legten aber aufgrund der verlorenen Zeit noch eine Nacht auf halber Strecke ein. Zuvor erspähten wir am abend nahe der Straße aus dem Auto noch einen Schwarzbären, der uns allerdings mit seinem vollsten Desinteresse zu ignorieren wusste.

Auf der Website www.freecampsites.net sind Campingplätze gelistet, auf denen man legal und meist kostenlos stehen darf. Bisher durch weitestgehenst gute Erfahrungen verwöhnt, fanden wir zwischen Port Alberni und Ucluelet an diesem Tag eine Fläche vor, die wohl kurzfristig doch für Industriezwecke umfunktioniert wurde. Da wir zuvor eine halbstündige Schotterpiste durch Waldgebiete gefahren waren, entschieden wir uns trotzdem in der Gegend zu bleiben und entdeckten eine verdeckte Waldbucht direkt am See, auf der wir die Nacht unbemerkt verbrachten.

Tofino ist so etwas wie die kanadische Surfer-Hauptstadt und so gibt es in dem kleinen Örtchen eigentlich nur ein Thema. Wir machten uns daher auf zu einem der berühmten Strände. Leider machte an diesem bewölkten Tag die Stimmung keinen besonderen Eindruck und so beschlossen wir, nach einem Wanderweg in der Umgebung zu suchen. Fündig wurden wir in der Nähe von Ucluelet mit dem Wild Pacific Trail. Der Loop führt an steilen dunklen Klippen, riesigen Bäumen und einem Leuchtturm vorbei und läd außerdem an einigen Stellen zum herumkraxeln- und klettern auf Gestein ein. Das Meer zeigte sich an der Westküste mit gewaltiger Kraft und man bekam einen guten Eindruck, wieso die Wellen dort unter Surfern so beliebt sind. Abends kehrten wir auf einem Campingplatz nahe Ucluelet ein, der mit Sauna und Whirlpool einen seltenen Luxus bot.

Auf dem Rückweg machten wir noch in Port Alberni halt und erkundigten uns im Touristen-Büro nach einer Halbtageswanderung. Wir wurden auf einen Pfad geschickt, der zusammengezählt ca. 1200 Höhenmeter von uns forderte. Nach toller Aussicht auf Port Alberni und Umgebung, guter Waldluft sowie einer hübschen und sehr windigen Flusslandschaft, kamen wir abends erschöpft zurück und schlugen unser Camp am Walmart Parkplatz auf.

Am nächsten Tag überkam uns die Reisemüdigkeit, wir quartierten uns daher für das Wochenende auf einem Campingplatz ca. eine halbe Fahrstunde von Campbell River entfernt ein. In der Nähe eines Staudamms werden einige Plätze kostenlos zur Verfügung gestellt, die inmitten einer endlos wirkenden Seen- und Waldlandschaft hinter dem Elk Falls Provincial Park liegen. Wir verbrachten die Tage bei bestem Wetter mit Baden, Wandern und Lagerfeuer. Zudem ließen sich jeden Abend Biber im anliegenden Fluss blicken und unterhielten nicht nur unsere Nachbarn bestens. Die einzige kleine Aufregung der sonst grundentspannten Tage verursachte ein Kolibri, der sich im vorderen Teil des Autos selbst gefangen hatte und erst nach einiger Zeit bemerkte, dass alle Türen und Fenster des Autos offen standen. Für die neugierigen Naturfreaks unter euch: Beim Versuch, einem Kolibri zu helfen, stellt er sich einfach tot.

Unser letztes Etappenziel auf Vancouver Island zog uns in den Norden. Die touristische Infrastruktur wird um diese Region dünner, dafür nimmt die Holzindustrie zu. Die Straße nach Port Hardy verlässt die Küste und verläuft hauptsächlich durch eine gleichförmige Waldlandschaft. Wir peilten als erstes Ziel die Telegraph Cove an, ein kleines Dorf und eine der wenigen touristischen Anlaufstellen. Dort kann man eine Grizzly-Tour machen, von der ich in einer Work and Travel Gruppe gelesen hatte. Allerdings lagen 300$ weit über meinen Vorstellungen. Im Norden gibt es viele Recreation Areas, in denen man für lau campen kann. Es empfiehlt sich die offiziellen Karte von Nord Vancouver Island, auf der entsprechende Bereiche eingezeichnet sind. Wir nahmen von der Telegraph Cove einen 45-minütigen Schotterweg und stellten den neuen Reifensatz so gleich vor die erste große Herausforderung. Angekommen an einem See empfing uns nichts außer zwei Plumpsklos und ein paar Stellplätze. Das war glaub ich so ziemlich der einsamste Ort, an dem ich je war. Als einzige Gesellschaft trieben sich vermutlich ein paar Bären und andere Wildtiere in der Gegend herum, was Kratzspuren an den Bäumen und konstruierte Barrieren von vorherigen Campern verrieten.

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Morgens ging es direkt von der Matratze ans Steuer und wir machten uns auf nach Port Hardy – erstes Ziel Kaffee! Dort verbrachten wir zwei Tage mit Wanderungen und dem Besuch einer Lachsfarm. Die letzte Nacht fuhren wir wieder an einen abgelegenen See ohne jede Menschenseele. Nur der zurückgelassene Müll der vorherigen Besucher errinnerte an Zivilisation. Der Norden von Vancouver Island war mein Highlight der zwei Wochen. Wenige bis keine Menschen und dafür umso mehr beeindruckende Natur. In einigen Momenten war man so alleine und es war so still, das war schon sehr grußelig. Aber gerade das machte es für mich zu einer tollen Erfahrung und wertvollen Zeit.

Danach ging es zurück in den Süden. Auf dem Weg stoppten wir für zwei weitere Nächte am Campbell River. Wir trafen spontan Din, den ich auf der Rockies-Tour in Banff kennengelernt hatte. Zusammen mit ihm und seinem Freund Etai verbrachten wir einen sehr schönen Tag am See mit abendlicher Kochsession und Lagerfeuer. Ein würdiger Abschluss von zwei Wochen Vancouver Island.

Am nächsten Tag ging es nach Nanaimo, wo wir die letzte Nacht zwischen 10 weiteren Campern auf dem Walmart Parkplatz schliefen. Allerdings nicht, ohne uns mit einem letzten Strandspaziergang von der Insel zu verabschieden.

Wie schon angedeutet war Vancouver Island mein letzter Trip an der Westküste Nordamerikas. Nach meinen letzten Tagen in Vancouver werde ich nach Toronto fliegen und ca. 5 Wochen auf zwei verschiedenen Biofarmen arbeiten. Ab Anfang August bekomm ich dann Besuch von meiner Familie und werde den östlichen Teil von Kanada bereisen. Bis bald!

Auf einen Blick

Reisedauer: 14 Tage
Zurückgelegte Distanz: 1670 Kilometer
Regentage: 2 Tag